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Buchempfehlung: Risiko – Wie man die richtigen Entscheidungen trifft [Gerd Gigerenzer]

30 Jul

 

1988 wurde Basel 1 verabschiedet. Das Abkommen regelte international wieviel Kapital eine Bank benötig um als "sicher" zu gelten. Aus 30 Seiten Abkommen, wurden in den USA 18 Seiten Gesetzestext. Doch es genügte nicht. Basel II wurde 1996 verabschiedet, mit 347 Seiten. Dann kam die Finanzkrise 2008, und ein noch komplexeres Regelwerk wurde notwendig: Basel III schafft es auf 616 Seiten Abkommen, die sich in 1000 Seiten Gesetzestext niederschlugen. [Risiko, Seite 291]

Ist das System jetzt sicherer? Gigerenzer zweifelt, und einige mutige Experten und Politiker geben zu: Sie haben keine Ahnung über die Wechselwirkungen des komplexen Regelwerkes.

Finanzkrise, Medizin für Pharma statt Patienten und paternalistische Gesetzgebung sind die Themen anhand denen Gigerenzer sein Thema "Risikokompetenz" abarbeitet. "Risiko" ist ein hervorragendes Buch, klar geschrieben und überzeugend recherchiert, lesbar für jeden Maturanten. Ich empfehle die Lektüre jedem denkenden Menschen.

Seine Kernthese: Nicht mehr und komplexere Regeln führen zu einer besseren Gesellschaft, sondern kompetente Bürger, und bessere Risikokommunikation. Anhand beeindruckender Experimente zeigt er wie 4.-Klässler Probleme lösen können, die Ärzte nicht schafften. Es liegt an der Formulierung der Probleme. Bedingte Wahrhscheinlichkeiten lassen Probleme schwieriger erscheinen, als wenn dieselben in absoluten Häufigkeiten formuliert sind.

Auf Seite 132ff widmet er sich der in Österreich staatlich geförderten Privatvorsorge. 9% Prämie, lockten Konsumenten diese Mogelpackung zu unterschreiben. Eine verdeckten Studie mit 10 Banken lieferte ein schreckliches Bild darüber, welche Expertise Kunden von ihren Bankberatern erwarten können. 3 Bankberater wussten gar nicht, dass sich die 9% nur einmalig auf die Einlage gewährt wurden, sondern hielten sie für eine Zinsrate.

Risikokompetente Bankkunden fragen nach, lassen sich die tatsächliche Zinsrate vorrechnen und fallen nicht herein, auf ein Produkt das hauptsächlich den Banken ein einträgliches Geschäft bescheerte und Politikern das Gefühl etwas getan zu haben.

Auch Politiker leiden wohl unter mangelnder Risikokompetenz. Anstatt es Ihnen vorzuwerfen , könnte man Ihnen vielleicht das Buch schenken. Manch einer liest es vielleicht doch.

Gigerenzer nimmt dem Leser die Illusion, dass alle Risiken bekannt wären und sich berücksichtigen ließe. Er unterscheidet zwischen Risiko und Ungewissheit. Das Risiko lässt sich bestimmen, wenn Fälle in ähnlicher Art wiederholt auftreten und Ergebnisse beobachtet werden können. Tatsächlich ist die Gesellschaft aber mit Ungewissheiten konfrontiert: Niemand wusste wie hoch die Gefahr der Vogelgrippe sei und es ist kurios ein Zerfallsrisiko für den EURO-Raum von 30% anzugeben (so ähnlich hieß es in der "Oxford-Studie"), wo doch noch nie ein EURO-Raum auseinander gebrochen ist.

Ganz zu schweigen von den Mißverständnissen die Prozentzahlen hervorrufen. Die Regenwahrscheinlichkeit beträgt 30%. 30% wovon? In Umfragen gehen die Meinungen in der Bevölkerung stark auseinander, was die Wetterprognose meint. Es regt 30% der Zeit? Oder an 30% der Tage? Oder in 30% der Städte?

Karl Aiginger lehrte mich einst: Setze die Zahlen in Relation und half mir damit größen Ordnungen besser einzuordnen. Von Gerd Gigerenzer hab ich nun (wiedermal) gelernt, dass die Art der Präsentation von Zahlen wesentlich ist, um verstanden zu werden.

Tatsächlich geht es wohl nicht allen immer darum wahrhaftig verstanden zu werden, sondern die Täuschung ist Teil des Programms.

Eine Reduktion der Sterblichkeit um 50% durch das Medikament XY klingt nach einer Sensation. Wenn an 1.000.000 Menschen nun nur mehr einer statt 2 an der Krankheit stirbt, klingt das viel weniger sensationell.

Die Lektüre von "Risiko", schärfte meine Aufmerksamkeit gegenüber dieser bewusst mißverständlichen Kommunikation, wie wir sie in der Werbung häufig finden.

Das Buch gibts zB hier, aber noch besser Sie kaufen es in der nächsten lokalen Bücherei.

http://www.thalia.at/shop/at_thalia_start/suchartikel/risiko/gerd_gigerenzer/ISBN3-570-10103-7/ID33790450.html?fftrk=1%3A1%3A10%3A10%3A1&jumpId=5140058

Den Link zu Amazon habe ich bewusst nicht gepostet, da dieses Unternehmen in Europa unglaubliche Steuervermeidung betreibt.

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